Die erste Version der Topographische Karte des Generalstabes der Streitkräfte der UdSSR wurde in den Jahren 1960–1966 aufgenommen. Sie entstand damit rund 50 Jahre nach den deutschen Messtischblättern von 1912. Aufgrund der schlechten Verfügbarkeit der Kartenblätter dieses Kartenwerks wurde für den südlichen Teil der Kurischen Nehrung eine Landnutzungskarte genutzt, die 1962 von der Universität Kaliningrad aufgenommen wurde. Somit sind die hier dargestellten Daten ein Komposit aus zwei Kartenwerken, die aber derselben Zeit entstammen.
Beim Vergleich der Landnutzung auf den Messtischblattkarten von 1912 und den Karten aus den 1960er Jahren fallen große Unterschiede auf. Diese Unterschiede haben folgende mögliche Ursachen: (1.) faktische Veränderungen der Landschaft in den rund 50 Jahren, die zwischen den beiden kartographischen Aufnahmen liegen; (2.) die Anwendung unterschiedlicher Methoden bei der Kartierung im Gelände (z.B. unterschiedliche Einschätzungen bzw. kartographische Einteilungen bestimmter Landschaftselemente, welche zu unterschiedlichen Attributen in der Karte führen); (3.) unterschiedliche Darstellungen bzw. Klassifizierungen bei der Erstellung der Karten. Dieses Problem tritt auch in der hier dargestellten Karte auf, in der der südliche Teil der Kurischen Nehrung in generalisierterer Erfassung vorliegt als der nördliche Teil.
Die möglichen Ursachen für die unterschiedlichen Darstellungen in der Karte führen zu einem hohen Maß an Unsicherheit in der Interpretation. Es ist unklar, welche Veränderungen der Landschaft und der Nutzung tatsächlich stattgefunden haben und welche nur Ergebnis der unterschiedlichen Normen und Methoden der Kartographie sind. Dieses Problem lässt sich mit den vorliegenden Quellen nicht abschließend beantworten. Jedoch lassen sich begründete Annahmen über die Einschätzung einzelner Veränderungen anstellen. So sind die tatsächlichen Veränderungen der Landschaft der Kurischen Nehrung vorrangig bei signifikanten Veränderungen der Landschaft im Kartenblatt anzunehmen. Dies gilt beispielsweise für Gebiete, die im Messtischblatt von 1912 noch mit der Signatur für Sand bezeichnet waren, in der vorliegenden Karte nun aber mit der Signatur für Kraut- und Strauchbewuchs versehen sind.
Die Gesamtfläche der Nehrung ist in den Karten von 1960-1966 mit 164,02 km² nur unwesentlich kleiner als in der vorhergehenden Karte (1912: 166,52 km²). Die Fläche der von Sand geprägten Landschaftsformen hat sich weiter auf einen Anteil von 18,07 % verringert (von 30,77 % im Jahr 1912). Gleichzeitig ist der Anteil der Flächen von Kraut-/Strauchbewuchs (inkl. grauer Düne) minimal auf 13,43 % zurückgegangen. Stark gestiegen ist die Fläche des Grünlandes (inkl. lichtem Baumbestand) um 18,16 Prozentpunkte auf 21,22 %. Der Anteil der Waldflächen an der Gesamtfläche ist von 46,67 % in der Karte von 1912 auf 42,64 % gesunken.
Betrachtet man diese Entwicklungen im Gesamtbild der Karte von 1960-66, so lassen sich diverse Änderungen in der kartographischen Praxis erkennen. Zunächst wird in der Karte stärker zwischen lichtem Baumbestand (der eine Kategorie mit Grünland bildet) und Wald unterschieden. So wird insbesondere der Wald im Norden der Kurischen Nehrung als lichter Wald bezeichnet, von dem nur ein Saum an der Ostküste als „echter“ Wald gilt. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Wald zwischen Pervalka und Nida wo es größere Bestände an lichtem Baumbestand gibt. Nur durch den Abgleich mit weiteren Quellen wird klar, dass es in den rund 50 Jahren nicht zu einer starken Entwaldung oder Aufforstung auf der Kurischen Nehrung kam, sondern dass die Kartographen der neuen Karte den Baumbestand nur als licht bezeichnet haben.
Betrachtet man die Lagebeziehung der Sandflächen zu den Waldflächen und den Flächen mit Kraut-/Strauchbewuchs (inkl. grauer Düne), dann fällt auf, dass sich die großen Sandflächen auf der Kurischen Nehrung zwar ungefähr auf der derselben geographischen Breite befinden, diese jedoch im Vergleich zur Karte von 1912 nun an das gegenüberliegende Ufer der Kurischen Nehrung gewandert sind. Lagen die großen Sandflächen damals noch vor allem an der Ostseeküste, befinden sie sich nun vorwiegend an der Haffküste. Zudem gibt es im Erhebungszeitraum 1960-66 neben dem Strand an der Ostseeküste vier große Sandflächen hin zum Haff, die durch Bewuchs von der Ostsee abgeschirmt sind. Das Muster der Verteilung der Flächen mit Kraut-/Strauchbewuchs (inkl. grauer Düne) hat sich ebenfalls geändert. Waren diese Flächen 1912 noch oft kleinräumig mit Sandflächen durchsetzt, findet sich diese Flächenkategorie nun vor allem an den Rändern der Wälder.
Die einzige größere landwirtschaftliche Fläche in der Karte von 1912, die sich südlich von Rossitten (1960: Rybačij/ russ. Рыбачий) befand, ist in der Karte von 1960-66 verschwunden. Hier befindet sich nun eine Fläche, die als Grünland (inkl. lichtem Baumbestand) bezeichnet wird. Dafür gibt es eine neue landwirtschaftliche Fläche an der Wurzel der Kurischen Nehrung an der Grenze zu Selenogradsk (russ. Зеленоградск,/deut. Cranz). Der Anteil der landwirtschaftlichen Flächen hat sich in den 50 Jahren auf 0,84 % (1912 1,42 %) fast halbiert. Auch der Anteil der Siedlungsflächen und der näheren Umgebungen hat auf 1,40 % (1912: 2,01 %) abgenommen.
Interessant ist auch die Zunahme an Feuchtgebieten/Moor/Bruch in der Karte von 1960-66. Diese Flächen nahmen insgesamt auf 2,36 % zu, dabei ist diese Landschaftsform nicht mehr wie zuvor nur auf den äußersten Süden der Kurischen Nehrung beschränkt. Neben diesen Flächen im Süden findet man über die Nehrung verteilt kleinere Flächen, die als vernässt eingezeichnet sind. So finden sich südlich von Smiltynė (deut. Sandkrug) im Wald vereinzelte vernässte Flächen. Außerdem befinden sich am Ostufer der Kurischen Nehrung zum Kurischen Haff hin weitere solcher Flächen. Eine auffällige feuchte Fläche findet sich bei Rybačij, wo sich nördlich der Ortslage eine große Fläche an Feuchtgebieten/Moor/Bruch befindet.
Insgesamt hat sich die Erscheinung der Kurischen Nehrung im Kartenbild von 1960-66 an vielen Stellen erkennbar verändert. Es haben sich verschiedene Vegetationsmuster verändert und auch die Sandflächen sind in der Karte von 1960-66 in der Summe etwas kleiner, ihre Anzahl geringer und diese sind ohne Übergangszonen abgegrenzt gegen andere Flächen auf der Kurischen Nehrung. Die kleinteiligen Bewuchsmuster der Karte von 1912 findet man in der Karte von 1960-66 nicht mehr.
|
Typ |
Quadratkilometer |
Prozentualer Anteil |
|
Wald |
69,99 |
42,64 |
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Wasser |
0,06 |
0,04 |
|
Kraut- /Strauchbewuchs (inkl. Grauer Düne) |
22,04 |
13,43 |
|
Landwirtschaftliche Fläche |
1,38 |
0,84 |
|
Grünland (inkl. lichtem Baumbestand) |
34,82 |
21,22 |
|
Feuchtgebiete/Moor/Bruch |
3,87 |
2,36 |
|
Sand |
29,66 |
18,07 |
|
Siedlungsfläche und nähere Umgebung |
2,29 |
1,40 |
|
Summe |
164,02 |
100,00 |
Methodischer Hinweis: Die erläuternde Kartenbeschreibung bezieht sich auf die abgeleitete Form der Karte, die links dargestellt wird. Dazu wurde aus den Signaturen der Ausgangskarte der Landnutzungstyp bzw. das Ökotop abgeleitet und in einer zusammengefassten Karte dargestellt. In dieser Form wurde auf die Höhenangaben komplett verzichtet, weswegen diese hier nur in Form von Zusatzinformationen beachtet werden. Diese Informationen betreffen insbesondere die Verteilung und die Form der für die Nehrung so prägenden Dünen.